Mein Chaga-Ritual für kalte Tage
Über einen unscheinbaren Pilz aus den Wäldern des Nordens, eine jahrhundertealte Tradition und die Kunst, aus einer Tasse Tee ein kleines Ritual zu machen.
Wenn die Tage hier oben wieder kälter werden, das Feuer im Ofen brennt und draußen langsam diese besondere nordische Ruhe einkehrt, gibt es Dinge, die ganz automatisch wieder einen Platz in meinem Alltag finden.
Chaga gehört für mich dazu.
Ein paar dunkle Stücke. Ein Topf mit Wasser. Zeit.
Mehr braucht es eigentlich nicht. Und genau das liebe ich daran.
Denn Chaga ist kein schneller Teebeutel für zwischendurch. Er darf ziehen, köcheln und langsam seine tiefbraune Farbe an das Wasser abgeben.
Für mich ist allein die Zubereitung inzwischen ein kleines Ritual geworden.
Aber was ist Chaga eigentlich?
Wer Chaga zum ersten Mal sieht, denkt vermutlich nicht sofort: Oh, das sieht lecker aus.
Eher an ein verkohltes Stück Holz.
Chaga – auf Deutsch auch Schiefer Schillerporling genannt – ist ein Pilz, der vor allem an Birken wächst. Sein wissenschaftlicher Name lautet Inonotus obliquus.
Von außen ist er schwarz, rau und fast wie verbrannt. Schneidet man ihn auf, zeigt sich im Inneren eine rost- bis goldbraune Struktur.
Besonders wohl fühlt er sich in den kalten Regionen der nördlichen Hemisphäre – unter anderem in Finnland und anderen Teilen Nordeuropas, Russland, Sibirien, Kanada und Alaska.
Und während Chaga in den letzten Jahren in der westlichen Wellnesswelt plötzlich als sogenannter „Superfood-Pilz“ auftaucht, ist er im Norden alles andere als eine neue Entdeckung.
Zwischen Volksmedizin und modernem Hype
Chaga wurde in verschiedenen Regionen traditionell auch volksmedizinisch verwendet. Heute findet man entsprechend große Versprechen über seine Wirkung – von „Immunbooster“ bis hin zu Aussagen über krebsvorbeugenden- und heilenden Wirkungen.
Es gibt zum Chaga und seiner Kraft in der Krebsmedizin leider keine klinischen Studien an Menschen, aber an Tieren. Und hier wurden deutliche Erfolge erzielt.
Chaga enthält verschiedene bioaktive Pflanzen- und Pilzstoffe, darunter Polyphenole und andere antioxidativ wirkende Verbindungen. Ebenfalls enthält er viel Melanin, das unser Körper benötigt, um unsere Zellen mit einem Schutzpanzer zu umhüllen.
Eine lange Geschichte im Norden
Die Nutzung von Chaga reicht weit zurück.
Besonders gut dokumentiert ist seine Verwendung in Russland und anderen Teilen Nord- und Osteuropas. Dort wurde Chaga über Generationen hinweg gesammelt, getrocknet und als Aufguss oder Abkochung verwendet.
Auch in der finnischen Geschichte hat er seinen Platz.
Hier kennt man ihn als pakurikääpä.
Während des Zweiten Weltkriegs und in Zeiten, in denen Kaffee knapp oder gar nicht verfügbar war, wurde Chaga in Finnland unter anderem als Kaffeeersatz genutzt. Aus dem getrockneten Pilz wurde ein dunkles, erdiges Getränk gekocht.
Mein Chaga-Ritual
Ich verwende getrocknete Chaga-Stücke. Die großen Pilze zerkleinere ich vorsichtig mit der Axt oder meinem Jagdmesser.
Für eine kleine Kanne gebe ich einige Stücke in Wasser und lasse sie bei niedriger Temperatur langsam ziehen. Das Wasser soll dabei nicht wild sprudelnd kochen. Mit der Zeit verändert es seine Farbe und wird tief bernstein- bis dunkelbraun.
Je länger Chaga zieht, desto kräftiger wird der Geschmack.
Er ist erdig, holzig und überraschend mild und erinnert mich an Roibusch-Vanille-Tee.
Ich trinke ihn gerne pur. Wer es etwas weicher mag, kann etwas Honig hinzufügen.
Und dann kommt der wichtigste Teil:
hinsetzen.
Nicht den Chaga kochen, in einen Becher kippen und währenddessen drei E-Mails beantworten. Für mich gehört diese Tasse inzwischen zu den kleinen Momenten, in denen ich bewusst aufhöre, etwas zu erledigen.
Im Winter gerne am Feuer.
Im Herbst mit Blick nach draußen.
Zehn Minuten reichen.
Warme Hände am Becher.
Keine Aufgabe.
Keine Erwartung.
Nur eine kleine Pause.
Mein Rezept für Chaga-Tee
Für etwa 1 Liter Wasser verwende ich:
3–4 Stücke getrockneten Chaga
Die Chaga-Stücke mit kaltem Wasser in einen Topf geben, langsam erwärmen und anschließend bei niedriger Temperatur etwa 30–60 Minuten ziehen lassen.
Je länger er zieht, desto intensiver werden Farbe und Geschmack.
Anschließend abseihen und pur trinken oder mit etwas Honig verfeinern.
Die verwendeten Chaga-Stücke können mehrfach aufgegossen werden (ich nutze sie teilweise bis zu 10x), solange sie beim erneuten Auskochen noch deutlich Farbe und Geschmack abgeben. Danach lasse ich sie vollständig trocknen.
Draußen wird es langsam wieder kälter.
Die Abende werden dunkler.
Der Wald verändert sich.
Und damit beginnt für mich wieder die Zeit dieser kleinen nordischen Rituale.
Man braucht nicht viel dafür. Nur ein bisschen Zeit – und etwas, das einen daran erinnert, sie sich auch zu nehmen.